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- [1] Schaltflächen links: Sie finden dort Meinungen und Reaktionen
von Leserinnen und Lesern, der Medien und Buchhändler zu
meinen Auftritten, Lesungen und Büchern. - [2] Auf dieser Seite unten: Hier finden Sie Meinungsäußerungen von mir zu vielen Themen aus Kultur und Literatur, aus Gesellschaft, Politik und Philosophie und den Fragen unserer Zeit. Ich nehme auch Stellung zu Fragen der Tagespolitik und zu bewegenden Ereignissen; derzeit umfasst die Auswahl das Folgende - der aktuellste Eintrag oben, der älteste Eintrag ganz unten:
[2K] Posting nach dem Zunami fürs politische Bewusstsein nach dem 11. März
2011, als das AKW in Fukushima außer Kontrolle geriet
[2J] Die Sarrazins, Steinbachs und der Neu-Konservatismus
[2I] Auf der Suche nach Hitlers Potemkinschem Bildungsdorf
[2H] Wandern und Pilgern als der Weg zu sich
[2G] 1: Ullsteins lustige Abschreibaffäre - Helene Hegemanns Buch »Axolotl
Roadkill«
2: Kopiert oder kreativ kreiert - das ist hier die Frage!
[2F] Europa und die Menschen - oder: Wo aber liegt Europa?
[2E] Die Schriftstellerin Christa Wolf - oder: Deutschland und seine Intellektuellen. Eine Vaterlandssichtung!
[2D] Vatermord oder blasphemischer Bildersturm - zu Timan Jens' Buch »Demenz«
[2C] Die Vermessung Kehlmanns als Schriftsteller - oder: Ruhm, wem Ruhm gebührt.
[2B] Thomas Mann und das 3. Reich
[2A] Claus Schenk Graf von Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944
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[2] Meine Meinung ist Ihnen wichtig!
Ich möchte hier in Zukunft zu verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung nehmen, auch zu Literatur, Kunst und Philosophie.
polititsche Bewusstsein am 11. März 2011, als das AKW in Fukushima außer
Kontrolle geriet:
ALLE AKWs ABSCHALTEN! JETZT! OHNE WENN UND ABER!
WIR HABEN GENUG VON EUREM RESTRISIKO !
Wir fürchten uns nicht vor Stromabschaltungen und teurerer Energie!
Wir fürchten uns aber vor kalter Profitgier und heuchlerischer Fürsorglichkeit,
die sich in leichtfertigem Reden ausdrückt und Chancen für die Zukunft verspielt!
"Erst
wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte
Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht
essen kann." (Häuptling Seattle, eine Weissagung des Stammes der Cree)
[2J] Die Sarrazins, Steinbachs und der Neu-Konservatismus
Man
sagt, wir wollen wieder selbstbewusste Deutsche sein. Man sagt, wir
bräuchten wieder richtige Konservative. Aber man sollte auch sagen, dass
wir bei allen Diskussionen und Kontroversen um richtige Wege nicht
unsere demokratisch-republikanischen Werte über Bord werfen dürfen und
unsere Prinzipienfestigkeit hinsichtlich der Werte Freiheit, Toleranz
und Humanität verraten. Denn wir würden damit unsere Selbstachtung und
unser Wissen um unsere Geschichte aufgeben. Denn wir wissen, dass ein
Land, das in der Mitte Europas liegt und zu einem der wichtigsten
Wirtschaftsnationen der Welt zählt, integrativ wirken soll und muss und
sich daher alles Wollen und Äußern seiner führenden Köpfe nicht mit
nationalistischem Getöse und markig kraftstrotzendem Gebaren verträgt.
Denn
die Bundesrepublik Deutschland hat nach 1945 seine Lehren aus der
Geschichte gezogen, aus zwei Jahrhunderten, in denen viel Leid über
Europa und die Welt gekommen war.
Dieses Land hatte zuletzt einen Eroberungs- und Vernichtungskrieg nach Osten geführt, zu dessen Ursache und Schuld es allein aufgrund einer erdrückenden Quellenlage keine Zweifel geben kann. Daher muss allen sich als neu-konservativ gebenden Kräfte entschieden widersprochen werden, die durch Relativieren und Beschönigen, durch ideologisches Verschweigen und rhetorisches Verkürzen von Fakten die Geschichte verfälschen und unsere Grundwerte beschädigen. Daher habe ich es mit Abscheu vernommen, dass es in Deutschland wieder die Meinung gibt, man dürfe mit vulgärem Darwinismus und unterschwelligem Antisemitismus, mit Ressentiment und Fremdenfeindlichkeit, mit Relativismus und Revanchismus Politik machen. Denn es ist unwahr, dass sich darin ein überfälliger Konservatismus ausdrücke.
Denn mit solcher Politik würde der Konservatismus, der „bewahren“ und „erhalten“ meint, zu einer Denk- und Verhaltensweise führen, die unsere besten Absichten für die Zukunft einer erneuten Verhunzung preisgäbe. So lasst die Deutschen ruhig richtige Konservative sein, aber nur solche, die bewahren, was auf den Grundlagen von Aufklärung, Toleranz und Humanität auch bewahrenswert ist.
Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.[2I] Auf der Suche nach Hitlers Potemkinschem Bildungsdorf
Der
Autor zitiert Benjamins Diktum, dass man einer Bibliothek ansehe, wer
einer sei. Nun sind die Reste von Hitlers Bibliothek sehr unvollständig
und die darüber verbürgten Äußerungen des Diktators mehr als spärlich,
ganz abgesehen davon, dass er in seine Büchern kaum Anmerkungen hinein
schrieb. Was hilft es, dass Hitler von sich selbst behauptete, er habe
pro Nacht ein Buch gelesen? Immerhin lässt sich feststellen, wenn es
tatsächlich so war, dass von dem, was er las, nur sehr wenig hängen
blieb; oder er las, was seine Wahnvorstellungen nur bestätigte.
Also
sagen Bücher wenig darüber, wer einer ist. So ist schon der Hinweis auf
Bücher über Friedrich den Großen in Hitlers Fundus eher fehl leitend.
Friedrich der Große hätte protestiert, hätte er gewusst, wer sich da auf
ihn beruft.
So gilt insgesamt: Eine große, noch so gut sortierte
Bibliothek schützt vor Torheit, Dummheit und Rassismus nicht; und man
sollte sie deshalb nicht wichtiger nehmen als anderes; denn es sagt
nichts über vorhandene oder nicht vorhandene Bildung aus. Mich erinnert
das nur an den umgekehrten Fall, an einen Paul von Hindenburg, der sich
ein Leben lang rühmte, nicht ein Buch in seinem Leben zu Ende gelesen zu
haben.
Zuletzt liegt es so nur am einzelnen selbst, wer einer
ist und sein kann: Man muss ihn an seinem Handeln messen. Nur so, mit
einem mit Verlaub gemachten Hinweis auf Kants Kategorischen Imperativ
wird man der labyrinthischen Verirrung ins Potemkinsche Dorf von Hitlers
Bibliothek den richtigen Wert beimessen können. Nämlich keinen.
Sie finden diesen Kommentar bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.
[2H] Wandern und Pilgern als der Weg zu sich
Ein
sehr kluger, ein stark soziologisch und philosophisch-kulturell
geprägter Zeit-Artikel, der auf viele wesentliche Aspekte und Kernpunkte
des Wanderns und Pilgerns gestern und heute hinweist. Ich habe ihn gern
und mit Gewinn gelesen.
Vielleicht sollte man noch hinzufügen,
dass das Wandern als solches in den letzten Jahren sehr viele Anhänger
gefunden hat, besonders unter jungen Leuten, während das Zufußgehen bis
in die 90er Jahre hinein eher noch verpönt war.
Insofern sehen
wir hierin eine sehr positive Entwicklung, eine, die die Menschen auf
die existentiellen Grundlagen in der Natur und die ihre noch
zurückführt. Dazu gehört aber auch, Augen und alle übrigen Sinne offen
zu haben, sie beim Gehen offen zu halten - oder sich diese von solchem
Gang ins Offene öffnen zu lassen. Daher ist das Wandern, genauer
gesprochen das Fernwandern für jemanden, der sensibel und emotional ist,
so unerlässlich, um über sich und die Welt mehr zu erfahren und mehr zu
finden, als man nach allen objektivierbaren Tatsachen schon ist.
Ich
weiß, für einen echten Rationalisten, einen echten Realisten, ist das
alles Schmonz. Aber zum Glück - es gibt nicht nur Rationalisten oder
Realisten, sondern viele Menschen, die für mehr als die kalten Fakten
der Tatsachenwelt empfänglich sind. Und sie haben damit nach allem, was
wir wissen, so recht ...
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[2G-2] Kopiert oder kreativ kreiert - das ist hier die Frage!
Herr
Martenstein schreibt eine Satire über den Vorwurf gegen Hegemann, sie
habe das Buch von Airen plagiiert. Er verschärft darin den
ursprünglichen Anspruch Hegemanns nach Originalität, indem er
konzediert, sie habe den Text von Airen noch verbessert.
Aber
Spaß oder Satire mal beiseite: Airens Text ist besser als der Hegemanns,
oder persönlicher formuliert: jener gefällt mir besser als dieser.
Aber
was mich besonders frustriert hat beim Anlesen von Hegemanns Buch:
Bereits auf den ersten Seiten finden sich die wesentlichen Textstellen,
die gemäß anderer Kritiker so oder ähnlich von Airen stammen. Und das
lässt durchaus nicht viel Originalität im weiteren Buch erwarten. Also
ermüdet der Leser vorzeitig enttäuscht und bricht sogar ab, greift
tatsächlich lieber zum Original als zur Kopie.
Was mich beim Text
Hegemanns aber besonders verblüffte, war die von Lebenserfahrung
verständigte Sprache, die erfahrungsschwangere Diktion, die man einer
17-Jährigen in dieser Weise keineswegs zutrauen zu können glaubt. Und
die Anschauung ihrer Person, wenn man sie im Interview, in den Talkshows
sieht und hört, scheint diesem Eindruck Recht geben zu wollen.
So
bleibt man bei Hegemann und ihrem Buch ratlos zurück, fragt sich
durchaus, ob sie und ihr Buch nicht einfach nur eine Satire auf unseren
Kulturbetrieb sind. Das wäre nun doch einmal eine Pointe, die einen Hype
auf Bestsellerlisten und im Feuilleton wert gewesen wäre.
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[2G-1] Ullsteins lustige Abschreibaffäre - Helene Hegemanns Buch »Axolotl Roadkill«
Die
Hegemann hat per Copy&Paste geschrieben, sich an ganzen Passagen
anderer bedient, ohne zu fragen. Dennoch wurde ihr Buch mit großem
Marketing-Pomp in die Feuilletons und den Buchmarkt gedrückt, es wurde
für einen Buchmessepreis in Leipzig nominiert. Also alles eine lustige
Abschreibaffäre?
Die junge Frau ist eine pubertäre 17jährige, die
vom Leben noch nichts weiß, die eine Schulausbildung abbrach, aber
große Schriftstellerin sein will. Denn sie ist zu jung, um im Leben
angekommen zu sein, was sie schreibt, zu abseitig, dass sie es selbst
erlebt haben könnte. In ihr rumort ein ominöser Drang der
Selbstgefälligkeit, in der sie sich mit Goethe und Shakespeare
vergleicht. Aber mangels genügendem Talent gelingt nur eine
Copy&Paste-Manie, ein leerer Durst nach Leben, der eine Kopie des
eigenen Anspruchs ist. So wird ihr Versagen zu dem des Verlags, seines
Lektorats und des Vaters.
Aber das Verlagswesen, das vor kurzem
erst das Urheberrecht gegen Googles Scanning-Fraß durch die
Weltliteratur verteidigte, setzt so die Axt an die Wurzeln jenes Baums,
auf dem er selber sitzt. Wer soll das Urheberrecht noch achten, wer sich
auf den Weg kreativen Schreibens machen, wenn Copy&Paste
literarisches Stilmittel wird?
Es wäre daher Zeit, dass Ullstein
dieses unsägliche Buch vom Markt nimmt. Doch dazu wird es nicht kommen:
Denn alles ist in der Kulturindustrie, um mit Adorno zu sprechen, eine
Frage des Geldes - oder des Profits, wie wir nun leider lernen müssen.
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[2F] Europa und die Menschen - oder: Wo aber liegt Europa?
Ein
Kommentar zum Artikel "Ich wir sie - die französische Philosophie sieht
die Gemein-schaft mit Skepsis ...", geschrieben als zweiter Kommentar
am 08.07.2008 um 22:04 Uhr, in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT; er hat
folgenden Wortlaut:
2. Um gleich ein Beispiel zu ...
Um gleich
ein Beispiel zu nennen: Europa beginnt nicht im egalitären Raum
abstrakt zusammengenommener Staaten, denen man Vorschriften und
abstrakte, bürgerferne Institutionen gibt. Denn dort, wo alles gleich
gültig ist, könnte sich schnell größte Gleichgültigkeit einnisten. So
haben nicht ohne Grund die in der Vergangenheit so großen, vermeintlich
Gemeinschaft bildenden Zwangskonzepte der Geschichte reichlich versagt,
gleichgültig ob nun Kommunismus, nationaler Sozialismus oder die vielen
Zwischen-, Extern- und Extremformen religiöser oder autoritärer
Provinienz. Daher finde ich den Satz sehr treffend: "Inakzeptabel als
politisches Projekt, bleibt sie (die Gemeinschaft) als Ethik, die in
individueller Lebensführung wurzelt, gleichwohl praktikabel." Sehr wohl,
praktikabel als Ethik, als Weg, der beim einzelnen beginnt und ihn und
alle zur Gemeinschaft Gleichgesinnter führt.Darum glaube ich, dass
Europa bei den Menschen, in den Regionen beginnt, nicht im Abstraktum
egalitär vereinheitlichter Nationalstaaten. Europa muss leben, von unten
her, von den Menschen, aus ihren Herkünft(en), ihrer Kultur und ihren
Traditionen herkommend. Dann erst kann gelingen, was Aristoteles mit
zoon politicon umschrieb, was Europa den Frieden, die Gemeinschaft der
Menschen bringt, den sie endlich und lange schon
verdienen.Autorenhompage: www.burkhard-wittek.de
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[2E] Die Schriftstellerin Christa Wolf - oder: Deutschland und seine Intellektuellen. Eine Vaterlandssichtung!
Christa
Wolfs spät offen gelegte Selbstverpflichtung für die DDR-Stasi, ihre
Kapitalismus-kritik an der alten BRD und ihre Vorbehalte gegen den
Untergang der DDR im Jahre der Wiedervereinigung erbrachte ihr kein
positives Renommee, trotz einer Literatur, die ihr in den Jahrzehnten
davor große Beachtung verschafft hatte. Sie ist seither keine ernst
genommene Schriftstellerin mehr, keine moralische Instanz fürs
Deutschland der neuen Republik seit 1990.
Aber andere, von denen
wir bisher überzeugt gewesen sind, dass sie moralisch hoch stehend und
über alle Kritik erhaben sichere Gewährsleute unserer besten Absichten
für eine bessere Welt sein müssten, haben vor kurzem ihre Verstrickungen
in längst überwunden geglaubte politische Zumutungen eingestehen
müssen. Und zum Teil besserwisserisch an ihrem Weg festgehalten.
Aber
ist all das, was wir darin sehen müssen, nicht nur eine allzu
menschliche Krankheit, eine allzu deutsche Mentalität: Denn noch die
letzte allzu deutsche Revolution, die unter dem Motto gestanden hatte
„Wir sind das Volk!“, führte zu nicht viel anderem als zur Verbrüderung
der politischen Klassen von Deutschland West und Ost unterm Deckmantel
der BRD-Verfasstheit. Es wurde der Untertanengeist, das Obrigkeitsdenken
des von Alters her wohl bekannten preußisch-restaurativen Wegs nur um
ein weiteres Beispiel ergänzt – was letztlich schwerwiegender ist als
die Tatsache, dass sich die CDU West die CDU Ost einverleibte, dass sich
die SED als Die LINKE auf Basis alter stalinistischer Kader neu
formierte und die SPD sich dieser inzwischen zunehmend anbiedert.
Christ
Wolf wird da zur Projektionsfläche eines schlechten Gewissens, zu der
einer an sich besseren Einsicht, die man nicht leben will, die man in
eine uneingestandene, moralische Gewissenlosigkeit abschiebt, geschuldet
der Mentalität, vom Staat und der Gesellschaft alles, von sich selbst
nichts zu verlangen: das Gemeinwesen wird da zu reiner Teilhabe an
obrigkeitsstaatlich gewährten Sozialtransfers oder dem
staatsliberalistisch sanktionierten kapitalistischen Boniwesen.
Und
da interessiert es auch niemanden mehr, dass Christa Wolfs Werk über
anderes spricht: Christa Wolfs Bücher haben mich immer tief beeindruckt,
weil sie viel über das deutsche Wesen, den Umgang der Deutschen mit
ihrer Geschichte und über ihren Umgang mit ihren Intellektuellen
aussagen. Christa Wolfs Bücher waren für mich immer eine
Auseinandersetzung mit der Authentizität und dem Selbstverständnis
deutschen Dichtertums und Schriftstellerei gewesen: eine
Auseinandersetzung zwischen totalitären Geschichtsentwürfen mit solchen
der Demokratie und eines recht verstandenen Republikanismus.
Dabei
kennzeichnet Christa Wolfs Werk Entmutigung, Ausweglosigkeit, ja
Sprachlosigkeit, auch in ihren Figuren wie z.B. Karoline von Günderode
und Heinrich von Kleist, und noch Kassandra. Ihre Bücher sprechen von
Figuren, von Intellektuellen, die nicht ankommen, wo sie hingehören, wo
sie dazugehören wollen und sollten. Ihr Land, in dem sie leben, ist
ihnen verschlossen, bleibt fremd, ist ein Kontext der Existenzweise, der
sich ihnen nicht erschließen kann. Und sie sind darin nur die
Gradmesser des Unzeitgemäßen, Verschobenen, Falschen: des Leidens an
sich und ihrer Nation.
Aber Christa Wolf ist und bleibt, trotz
dem, das sie auch war, eine wichtige Mahnerin auf dem Weg zu einer
Sehnsucht nach Freiheit, Solidarität und Menschlichkeit, auf dem Weg zu
eingelösten Menschenrechten, die so universal sind wie Sprache,
Kommunikation und poetische Werkfähigkeit. So ist es nicht so sehr das
Sozialistische, die Kapitalismuskritik an ihr, das Falsche ihres eigenen
politischen Wegs, die uns einen Weg weisen können, sondern ihr
poetisches Werk, das uns auf dem Weg in eine Demokratie mit einer
humaneren Marktwirtschaft in globaler Herausforderung Hinsichten geben
kann. Denn dass Christa Wolf in ihrer Kritik an der alten Bundesrepublik
diese als Systemalternative gegenüber der DDR verwarf, ist kein Appell
für die Diktatur. Dem widerspricht schon ihr poetisches Werk. Es wäre
sicherlich Zeit, Christa Wolfs Schaffen neu zu sichten.
Hier finden Sie diese Rezension bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT
[2D] Ödipaler Vatermord oder blasphemischer Bildersturm - zu Tilman Jens' Buch »Demenz«, eine Auseinandersetzung mit seinem Vater Walter Jens
Walter
Jens - daran haben wir uns gewöhnt - ist eine hochkarätige
Persönlichkeit: Er ist die herausragende moralische Instanz der alten
Bundesrepublik. Er, der Tübinger Rhetorikprofessor, Teil der Gruppe 47,
ist und war das gute Gewissen dieses Landes. Er wurde für uns zum
Pseudonym des aufrechten Gangs, wenn es für ganze Generationen um
gesellschaftliche Verantwortung ging. Und nun das, es ist kaum zu
glauben: Tilman Jens, der eigene Sohn und dessen Buch Demenz, vermarktet
die Krankheit des Vaters! Schlägt Kapital aus des Vaters körperlichem
Niedergang!
Aber der Sohn zerstört auch unser Denkmal vom Vater
im Kopf, zerschlägt unser vom Übervater imaginiertes Bild, das Walter
Jens hieß: Es zerstört auch uns, unser gutes Gewissen, weil wir in
unseres Übervaters moralischer Unduldsamkeit und Geradlinigkeit immer
unser bestes Wollen, unser höchstes moralisches Gewissen aufgehoben
sahen. Tilman Jens zerstört damit unseren größten Halt angesichts
vielfältiger gesellschaftlicher und globaler Bedrohungen. Denn - unser
Gefühl trügt uns nicht! - keiner vermag sich in staatsbürgerlicher
Hinsicht mit einem vor Augen geführten Kaninchenpfleger und Blumenfreund
W. J identifizieren. Und ohne ihn, diesen letzten verlässlichen
moralischen Garanten, erscheint uns in dieser Gesellschaft vieles
schrecklich biedermeierlich, der Staat und seine Organe restaurativ und
alles zusammen höchst gefährdet.
Und so fühlen wir uns, indem uns
Tilman Jens vorführt, wer uns mit seinem Vater verlässt, selbst
verlassen, allein gelassen, uns unserer Verantwortung überantwortet. Und
so zerstört Tilman Jens mit seinem Buch noch unsere höchsten
moralischen Illusionen: Dass alles besser sei, als ohnehin schon
befürchtet. Er nimmt uns mit seinem Buch den letzten Rest, den Traum,
dass alles gut wäre oder noch werden würde: mit uns und den ganzen
Gefährdungen in dieser Welt.
So meinen wir, dass es der Bote ist,
der die böse Nachricht bringt, woran alles krankt, er aber zeigt uns
mit seinem Buch, wir sind es selbst. Wir sind es, die das sein sollen,
was Walter Jens immer gewesen war, was er uns vorlebte, was er uns
gezeigt hat! Bürgerstolz beginnt mit Bürgertugend. Und deren Anfang ist
das eigene Gewissen, über das der Staat und seine Organe keine
Verfügungsgewalt haben; und das unterscheidet die Demokratie vom
totalitären Regime; denn sie allein lebt davon: Vom Gewissen des
einzelnen, der Verantwortung, die in bestem Kant'schen Sinne vom eigenen
Nachdenken ihren Ausgang nimmt und zur Einmischung führt.
Wir
sind es, das Volk, und diejenigen, die Verantwortung für uns und alles
tragen. Und auch das wird mit Tilman Jens Buch schmerzlicher: Weil er
des Vaters Demenz zur Flucht macht, zum Narkotikum des Vaters vor der
eigenen Vergangenheit, die auch bei ihm Mitläufertum und
NSDAP-Mitgliedschaft hieß. Und so sehen wir, dass im Bildersturm
zugleich ein Vatermord steckt, aber einer, der mit ihm, nichts mit dem
Vater zu tun hat: Als der eigene Versuch erwachsen zu werden und als
Bewusstsein, das Leben nun endlich selbst in die Hand nehmen zu müssen.
Und
so müssen auch wir gehen – selbst gehen lernen, über unsere Väter
hinaus, unsere Überväter, die fehlbar sind wie wir, fehlbar waren und
keine moralisch über alles erhabenen, unantastbaren Götter, wie wir
immer gern geglaubt haben. Denn in der Demenz, in der unübergehbaren
Krankheit unserer Überväter und -mütter wird uns schmerzlich bewusst,
dass wir noch immer nicht erwachsen geworden sind, dass wir unseren
staatsbürgerlichen Weg vielleicht noch nicht einmal begonnen haben.
Für
mich war Tilman Jens' Buch über den Vater Walter Jens, den ich selbst
noch kannte, eine Erhellung, eine Beschreibung meiner selbst und meines
Verhältnisses zum Vater; und es wurde für mich zu einer Arbeitsanweisung
in der Auseinandersetzung mit diesem. Daher finde ich das Buch gut,
sehr gut, lesenswert für alle, die erwachsen werden und sich auf den Weg
zum Rousseau'schen Citoyen machen wollen.
Hier finden Sie diese Rezension bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT
[2C] Die Vermessung Kehlmanns als Schriftsteller - oder: Ruhm, wem Ruhm gebührt
Jungs
Rezension in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT zerbröselt Kehlmanns neues
Buch »Ruhm« zwischen den Mühlsteinen von Thomas Manns Buddenbrooks und
Günter Grass' Blechtrommel. Er kommt zum Schluss, dass außer einer guten
schriftstellerischen Idee zum Buch nur eine Sammlung von neun
Geschichten aus Tausendundeinernacht herausgekommen sei, ja dass sogar,
was heutige Leser besonders an der Lektüre eines Buches reizt, nämlich
die erotischen Szenen, schlecht geschrieben und erzählt seien.
Ist
das nicht zu viel Anspruch, der hier von vorneherein gesetzt wird und
wurde? Muss es immer gleich Thomas Mann und Günter Grass sein, wenn von
Erfolg im Literaturbetrieb, wenn von jungen Autoren gesprochen wird? Ist
Kehlmann, der als Komet am Sternenhimmel des Buchmarktes gefeiert wird
und wurde, der mit Literaturpreisen und sonstigen Auszeichnungen und
Belobigungen schnell überhäuft wurde, schlicht und ergreifend nicht
einfach nur zu bedauern? Es scheint, man lobte hoch, um tief fallen zu
lassen – um weg, um aus dem Literaturbetrieb fort zu loben.
Durch
sein erfolgreiches Megabuch »Vermessung der Welt« scheint man ihn zum
Niveau, das da sofort heißen muss Thomas Mann und Günter Grass
verdonnert, verpflichtet, gezwungen zu haben (Und dem Rezensenten ist
zugute zu halten, dass er es sagt, nicht nur denkt). Aber warum? Um ihn
gleich fertig zu machen? Ihn tief fallen lassen zu können? Er wird
gemessen an dem, was er einst erreichte; vermessen an dem, was für
Rezensenten und lesendes Publikum nun aus dem Stand heraus möglich sein
müsse. Ist das opportun? Oder will man damit nur sagen, dass man immer
wieder nur lieber die alten Hasen, die Grass', die Walsers', die ....
lesen will? (Hinweis: Ich habe nichts gegen diese Autoren! Sie gehören
ohne Frage zum Besten, was die deutsche Literatur seit 1945 geboten
hat!).
Aber, bei aller Kritik an den Erwartungen von Rezensenten
und Buchmarkt, zwei unprofessionelle Fehler hat Kehlmann im Umgang mit
der medialen Öffentlichkeit auf jeden Fall gemacht:
Er hat
erstens im FAZ-Interview sein neues Buch erklärt, ja interpretiert, was
zeigt, dass er Angst hat, es könnte missverstanden, in seiner Güte nicht
erkannt; es könnte ein Flop werden, nicht auf der Höhe der
Vermessbarkeit sein.
Er hat zweitens zu viel über sich, über
seine schriftstellerische Werkstatt, seine zwischenzeitlichen
Schreibversuche und -probleme preisgegeben. Er hat sich gegenüber Kritik
und Öffentlichkeit vermessbar gemacht. Er hat öffentlich gemacht, dass
zwischen großem Erfolg und Autorenwirklichkeit Welten liegen könnten. Er
hat selbst dem Anspruch, den er in sich setzt und in ihn gesetzt sieht,
geschadet: damit seinen zukünftigen Büchern, möglicherweise seinem
Ruhm.
So könnte geschehen, was schon so vielen Autoren geschah:
Ein Autor, der mit seinem Erstling zu solcher Quote kam, könnte tot
sein, bevor er richtig gelebt hat. So erging es vielen, wird es vielen
ergehen, auch wenn es noch viel mehr andere gibt, die nur für die
Schublade schrieben, niemals diese Chance bekamen, die Kehlmann hat. Wir
sehen daran: Der Buchmarkt ist ein hartes Brot. Aber härter ist die
Angst, es nicht noch einmal zu schaffen! Und diese Angst heißt, die
falsche Tugend zum Ratgeber zu machen.
Hier finden Sie diese Rezension bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT
[2B] Thomas Mann und das 3. Reich
Thomas
Mann, der in seiner ersten politischen Äußerung als Schriftsteller in
seinem Buch »Betrachtungen eines Unpolitischen« den 1. Weltkrieg als ein
dem Deutschtum gemäßes Ringen der Völker emphatisch begrüßt hatte,
machte seit dem Ende dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts eine
starke Wandlung durch. Schon in seinen Reden und Essays seit 1923 wurde
er zu einem glühenden Verfechter von bürgerlicher Republik und
Demokratie und zu einem, der die politischen Extreme von links und
rechts mit den Waffen des Schriftstellers, dem Wort, bekämpfte.
Thomas
Mann, der 1935 in die Schweiz und in die USA ins Exil ging, hatte bald
erkannt, dass die kulturellen Wurzeln seines Schriftstellertums, seines
sittlichen bürgerlichen Selbstverständnisses durchaus denen entsprachen,
die der Nationalsozialismus für sich reklamierte, auf denen dieser
selbst basierte: die frühe deutsche Romantik, Goethe und Herder, Richard
Wagner und Nietzsche.
Hieraus erwuchs dem bürgerlichen
Schriftsteller Thomas Mann ein großes ethisch-ästhetisches Problem: Wie
kann es sein, dass so unterschiedliche Entwicklungen auf denselben
Wurzeln fußen? Wie kann es sein, dass sie zu so konträren Folgen führen?
Hier die Ideale von Humanität, Aufklärung und romantisch unterlegter
Rationalität, der Glaube an den Fortschritt der Menschheit, dort
Regression in Rassismus, Obskurantismus und Verhunzung deutschen Kultur-
und Bildungsguts.
Auf diesem hoch interessanten Hintergrund kann
man Thomas Manns Essays zur Lektüre nur sehr empfehlen - aber nicht nur
auf diesem. Ich versuche in meinem Buch zu Masuren zu diesem
Zusammenhang zwischen dem bürgerlichen Schriftsteller Thomas Mann und
der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts Stellung zu nehmen.
[2A] Claus Schenk Graf von Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944
Mit dem neuen Stauffenberg-Film um den Schauspieler Tom Cruise ist in Deutschland eine Debatte ausgebrochen, in der es um nicht weniger als um die Frage geht, ob sich Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Attentäter auf den Diktator und Massenmörder Adolf Hitler, zum Helden der Deutschen in dunkelster Zeit eignet. Kann er uns als der Kopf einer der wichtigsten Widerstandsgruppen im 3. Reich als Anknüpfungspunkt für ein besseres Deutschland gelten?
So leicht es ist, diese Frage zu stellen, so schwer ist es, sie zu beantworten. Denn Stauffenberg bekannte sich niemals zur Demokratie. Er war kein Demokrat, kein Anhänger der Republik und Demokratie. Ihn, der anfänglich vom Nationalsozialismus begeistert war und seine besten politischen Hoffnungen damit zunächst verbunden sah, umschwebte seit seiner ersten Begegnung im Jahre 1923 mit dem Dichter Stefan George die Aura von dessen mythischen Dichterkreis. Doch das Bild des George-Kreises ist damals wie heute in vielen Teilen umstritten und dunkel; und dieses Bild ist bis heute unvollständig, wenn nicht gänzlich düster und obskur geblieben. Wenige Anhaltspunkte gibt es, die Georges Gedichte aus dem im Jahre 1928 erschienenen Zyklus »Das Neue Reich« uns dazu geben, jene Verse, die sogar vom 3. Reich vereinnahmt als auch von dessen Gegnern als Seitenhieb auf Hitlers Regime in Stellung gebracht wurden. Und Stefan George, der Anfang der 30er Jahre in die Schweiz übersiedelte, schwieg sich zu der über sein Leben und Wirken ausgebrochenen medialen Kontroverse beharrlich aus.
So bleiben zuletzt noch die letzten Worte von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Dunkeln, sein Satz »Es lebe das heilige Deutschland!« oder, wie andere sagen, der Satz »Es lebe das geheime Deutschland!«, also jenes bei seiner Hinrichtung und Ermordung im Bendlerblock zu Berlin ausgerufene Fanal für ein in seinem Sinne besseres Deutschland. Wir wissen nur aus dem Manifest der geplanten, ersten Rundfunkdurchsage der Attentäter, dass ihnen die Verwirklichung von Freiheit und Recht in einem anzustrebenden neuen deutschen Staatswesen von höchster Wichtigkeit war.
Doch die Frage bleibt, wäre das Attentat, dieser Staatsstreich gelungen: War es eine offene freiheitliche und pluralistische Demokratie, was diesen vorschwebte? Oder was anderes war es? Und an die Beantwortung dieser Frage kann man sich vielleicht nur annähern, wenn man zu ergründen sucht, wer sie waren, was ihre innersten Motivationen und Antriebe gewesen sind.
Ich versuche in meinem neuen Buch zu Masuren, im Buch zu meinem Ort nirgends, dazu eine Annäherung zu finden, vielleicht auch nur eine von vielen möglichen, aber doch meine Antwort zu geben.
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